Scivias – Schriftkreise
Im Juni 2026 war ich als Artist in Residence im Kunsthaus Stove. Eine inspirierende Zeit an einem besonderen Ort, der nach der künstlerischen Konzeption des Malers und Bildhauers Thought Raven (1961–2017) gemeinsam mit seiner Familie entstanden ist.
Der Skulpturengarten wurde für mich zu einer wichtigen Inspirationsquelle für meine Arbeit an den Scivias-Schriftkreisen, die ich mit Texten von Hildegard von Bingen gestaltet habe.
Ich bin dankbar, dass ich dort als Stipendiatin arbeiten durfte. Die dort gewonnenen Erfahrungen wirken bis heute in meiner Arbeit nach.
Mit Hildegards Alphabet, den Litterae Ignotae beschäftige ich mich schon seit einigen Jahren. Nun ging es mir auch darum, ihre Texte in einer vom Riesenkodex inspirierten Schrift zu schreiben – einer Mischung aus karolingischer Minuskel und frühgotischen Formen, der Schrift der Zeit Hildegards.
Ich wollte mich mit den Texten aus dem Scivias, Hildegards erster und wahrscheinlich auch berühmtester theologischer Schrift, auseinandersetzen. Sich dem lateinischen Original Wort für Wort zu widmen, war eine bereichernde Erfahrung. Denselben Text immer und immer wieder zu kopieren, bringt eine besondere Vertrautheit zu unvertrauten Inhalten. Dieser Prozess erinnert mich an das Arbeiten in einem Skriptorium. Ich gehöre keiner Religion an, doch es fasziniert mich, mich in diese fremde, leicht wirre Welt aus Engeln und Visionen hineinzuschreiben und meditativ einzutauchen.
Im Zentrum steht das Schreiben in Kreisen: Kreisbewegung, Wiederholung, Endlosigkeit. Im Rupertsberger Kodex findet sich eine Buchmalerei, die Hildegards Vision der Engelschöre zeigt – sie wurde zu einem zentralen Ausgangspunkt des Schreibens.
Scivias heißt „Wisse die Wege“. Um sie zu wissen, muss man sie erst finden. Schreiben, zerschneiden und neu anordnen – so sah mein Suchen nach dem Weg aus. Am Ende stehen Schriftcollagen, in denen mehrere Kreise neu zusammengesetzt sind.
