Schrift ART Festival 2026
Litterae Ignotae – Das Alphabet der Hildegard von Bingen
Hildegard von Bingen ist vielen ein Begriff – doch nur wenige wissen, dass sie ein eigenes Alphabet erfunden hat.
Warum hat sie dieses Alphabet geschaffen? Wozu wurde es verwendet? Viele dieser Fragen bleiben unbeantwortet – was das Ganze nur noch geheimnisvoller macht. Es wurde viel spekuliert. Ich persönlich schließe mich einer häufig vertretenen Forschungsmeinung an: Hildegard nutzte das Alphabet, um sich in der männerdominierten Welt des Mittelalters als Autorität zu behaupten.
Als Frau war es gefährlich, eine eigene Meinung öffentlich zu äußern, zu predigen oder sich einzumischen. Doch mit einem von Gott offenbarten Alphabet konnte sie sagen: Ich bin zwar eine Frau, mein Latein mag nicht so elegant sein wie das der männlichen Kirchengelehrten – aber schaut her: Ich habe meine eigene Schrift. Mich fasziniert diese Form der Selbstermächtigung. Hildegard war eine politisch kluge Frau, die sich und ihre Botschaft eindrucksvoll zu inszenieren wusste. Ihre Litterae Ignotae waren ein Teil davon.
Ich biete auch regelmäßig Workshops und Vorführungen zu Hildegards Alphabet an – mit einem kurzen Input zur historischen und kulturellen Einordnung und viel Raum zum Ausprobieren und Entziffern.

Litterae Ignotae – modern interpretiert
Das mittelalterliche Original hat ohne Zweifel einen geheimnisvollen Reiz. Doch nachdem ich mich eine Zeit lang mit den Buchstaben beschäftigt hatte, wuchs der Wunsch, auch eine moderne Variante zu entwickeln: Ein einheitliches Schriftbild, mit dem sich gestalten und experimentieren lässt.
Diese Version lässt sich sowohl mit einer Gleichzugfeder schreiben als auch ganz einfach mit einem Bleistift – zum Beispiel für Notizen. Dabei war mir wichtig: Die Buchstaben sollten klar unterscheidbar sein. Denn im Original ähneln sich viele Zeichen stark und sind leicht zu verwechseln.
Meine Überarbeitung respektiert die historische Vorlage, verbessert jedoch die Lesbarkeit und Klarheit. Die neue Anordnung und Formgebung orientieren sich daran, was Hildegard von Bingen selbst hätte lesen können – und vielleicht auch mit Freude genutzt hätte.
Schriftkreise – Scivias
Ich wollte mich mit den Texten aus dem Scivias, Hildegards erster und wahrscheinlich auch berühmtester theologischer Schrift, auseinandersetzen. Sich dem lateinischen Original Wort für Wort zu widmen, war eine bereichernde Erfahrung. Denselben Text immer und immer wieder zu kopieren, bringt eine besondere Vertrautheit zu unvertrauten Inhalten. Dieser Prozess erinnert mich an das Arbeiten in einem Skriptorium. Ich gehöre keiner Religion an, doch es fasziniert mich, mich in diese fremde, leicht wirre Welt aus Engeln und Visionen hineinzuschreiben und meditativ einzutauchen.
Im Zentrum steht das Schreiben in Kreisen: Kreisbewegung, Wiederholung, Endlosigkeit. Im Rupertsberger Kodex findet sich eine Buchmalerei, die Hildegards Vision der Engelschöre zeigt – sie wurde zu einem zentralen Ausgangspunkt des Schreibens.
Es ging mir auch darum, ihre Texte in einer vom Riesenkodex inspirierten Schrift zu schreiben – einer Mischung aus karolingischer Minuskel und frühgotischen Formen, der Schrift der Zeit Hildegards.
Scivias heißt „Wisse die Wege“. Um sie zu wissen, muss man sie erst finden. Schreiben, zerschneiden und neu anordnen – so sah mein Suchen nach dem Weg aus. Am Ende stehen Schriftcollagen, in denen mehrere Kreise neu zusammengesetzt sind.
Daedalus – Schriftlabyrinthe
Wenn man mit Schrift ein Labyrinth schaffen möchte, was läge näher, als einen Text zu wählen, in dem es um das Labyrinth selbst geht? Ausgangspunkt von Daedalus I und Daedalus II sind Ovids Metamorphosen, genauer die Passage über Dädalus, den archetypischen Baumeister, der das Labyrinth auf Kreta errichtet: Daedalus ingenio fabrae celeberrimus artis ponit opus turbatque notas … – „Dädalus, durch sein handwerkliches Können höchst berühmt, errichtet das Werk und verwirrt die Zeichen…“
Auf der Suche nach einer monumentalen Schriftform entstand eine Unicase-Schrift, deren Formensprache von den Mäanderfriesen antiker griechischer Tempel inspiriert ist und die aus einer früheren Beschäftigung mit den Unzialformen der gotischen Bibel des Wulfila hervorgegangen ist.
Durch Überlagerungen und Collagen wird der Text zum Labyrinth. Die Kreisform ist dabei zentral: Sie kennt keinen eindeutigen Anfang und kein Ende, sondern führt den Blick endlos in sich selbst zurück. So findet der Blick keinen Ausgang.
Die Schrift soll nicht primär gelesen werden. Man soll sich in ihr verlieren – oder genauer: sich in ihr verlaufen. Was zunächst Text ist, wird zu Raum; was lesbar erscheint, wird Wegstruktur. Mich interessiert der Moment, in dem Schrift ihre Funktion als Träger von Sprache überschreitet und etwas Räumliches, ja Architektonisches wird.
