Daedalus – Schriftlabyrinthe
Wenn man mit Schrift ein Labyrinth schaffen möchte, was läge näher, als einen Text zu wählen, in dem es um das Labyrinth selbst geht? Ausgangspunkt von Daedalus I und Daedalus II sind Ovids Metamorphosen, genauer die Passage über Dädalus, den archetypischen Baumeister, der das Labyrinth auf Kreta errichtet: Daedalus ingenio fabrae celeberrimus artis ponit opus turbatque notas … – „Dädalus, durch sein handwerkliches Können höchst berühmt, errichtet das Werk und verwirrt die Zeichen…“
Auf der Suche nach einer monumentalen Schriftform entstand eine Unicase-Schrift, deren Formensprache von den Mäanderfriesen antiker griechischer Tempel inspiriert ist und die aus einer früheren Beschäftigung mit den Unzialformen der gotischen Bibel des Wulfila hervorgegangen ist.
Durch Überlagerungen und Collagen wird der Text zum Labyrinth. Die Kreisform ist dabei zentral: Sie kennt keinen eindeutigen Anfang und kein Ende, sondern führt den Blick endlos in sich selbst zurück. So findet der Blick keinen Ausgang.
Die Schrift soll nicht primär gelesen werden. Man soll sich in ihr verlieren – oder genauer: sich in ihr verlaufen. Was zunächst Text ist, wird zu Raum; was lesbar erscheint, wird Wegstruktur. Mich interessiert der Moment, in dem Schrift ihre Funktion als Träger von Sprache überschreitet und etwas Räumliches, ja Architektonisches wird.
Daedalus I und Daedalus II waren Teil der Ausstellung „Lost in Script“, meinem Beitrag zum Kunstfestival „48 Stunden Neukölln“ 2026.
